Es beginnt mit einem leichten Kratzen im Hals, welches rasch zu einem Brennen wird, als hätte man Chilischoten verspeist. Schon an dieser Stelle sollte der Mann handeln: Ein Glas warmes, mit Salz versetztes, Wasser mehrfach täglich gegurgelt, sollte die kleinen bösen Tierchen im Hals abtöten. Eine gelutschte Butterflocke bringt auch Schmerzlinderung. Aber nein, der Mann ignoriert dieses Signal und macht weiter auf harten Cowboy.

Mehrere Stunden später, meist über Nacht, gesellt sich zu dem Halsproblem ein bitterböser Reizhusten.  Dieser ähnelt vom Klang her einem an Tuberkulose erkrankten Menschen. Eine allgemeine Erschöpfung macht sich im Körper breit. Die Glieder schmerzen. Der Mann wird bettlägerig. Er mutiert innerhalb von Stunden vom Superhelden zum kranken Kleinkind.

Jetzt kommt spätestens der Moment, wo sich der Mann nach Mutti sehnt, die sich immer liebevoll um ihren kleinen Jungen gekümmert hat. Doch Mami ist nicht mehr da. Im schlimmsten Fall ist der Mann Single und muss allein mit seinem Elend fertig werden. Dadurch verfällt er in tiefes Selbstmitleid, da er niemanden sein Leid klagen kann. Er versucht dies durch die genauen Darlegung seiner Krankheit in sozialen Netzen wie Twitter oder Facebook zu kompensieren. Dort bettelt er um Anteilnahme. Vielfach gelingt ihm dies sogar.

Ist der Mann liiert, muss die Partnerin viel Kraft haben. Sie muss dem ständigen Gejammer standhalten. Natürlich kann sie ihm Tee zubereiten, die Waden wickeln und ein besorgtes Gesicht machen. Jedoch sollte sie ihren männlichen Gegenüber nicht zu sehr bemutteln. Dieser Spagat fällt vielen Frauen schwer. Doch sie sollten sich immer bewußt sein: Es sind erwachsene Männer und keine Kinder.

Jetzt naht bereits die Endstufe der angeblich lethal verlaufenden Krankheit: Die Produktion von Nasenschleim läuft auf Hochtouren. Justament, wo der ehemalige Mann kaum noch Luft bekommt und sich Berge von Papiertaschentüchern wie übergroße Maulwurfshaufen auf dem Fußboden neben dem Bett türmen, sieht er sein nahes Ende kommen. Der Kopf scheint dick wie ein Kürbis, die Brust schmerzt vom schwindsüchtigen Husten und der Hals kratzt, als hätte er eine Drahtbürste verschluckt. Was hat der Mann nun noch zu verlieren? In seiner Hilflosigkeit ruft er völlig entkräftet nach seiner Partnerin, die ihm die Medikamente (wahlweise pflanzlicher bzw. chemischer Herkunft) reicht und ihm wieder Lebensmut zuspricht. Ja, so eine Männergrippe verlangt die volle Aufmerksamkeit des Patienten.

Mehrere Tage schwebt der geplagte Mann in höchster Lebensgefahr, doch allmählich geht es ihm wieder besser. Schon bald kann er das Bett wieder verlassen und sich ohne fremde Hilfe in der Wohnung bewegen. Das Kleinkind verwandelt sich langsam wieder in einen Superhelden. Dann ist auch der Muskelkater vom vielen Husten vergessen. Immerhin hat der Mann etwas für seine Bauchmuskeln getan. Und er ist dem Tod von der Schippe gesprungen. Vorerst.