Eine Lesung über die Depeche Mode Fankultur in der DDR? Das ist genau auf mich zugeschnitten, dachte ich mir und so kaufte ich mir sogleich ein Ticket. Das war auch gut so, denn die Lesung in der Dresdner Schauburg war ausverkauft. So pilgerten am Abend des 22. März 2018 rund 340, und wie sollte es anders sein, zumeist schwarz gekleidete Menschen in den Kinosaal. Bei den Männern konnte man manchmal nur erahnen, ob sie früher mal eine Dave-Bürste oder Martin-Wuschelmähne hatten. Aber das sind Äußerlichkeiten. Innen drin ist es immer noch wie vor 30 Jahren.

Punkt 20 Uhr betrat Sascha Lange, seines Zeichens promovierter Historiker und Autor aus Leipzig, die Bühne und schon begann eine Reise in die Jugendzeit der Anwesenden. Er las aus seinem Buch „Behind the Wall – Depeche Mode – Fankultur in der DDR„. Während er erzählte, erstarkten meine Erinnerungen an damals und ich musste grinsen, als er zum Bespielt ausführte, dass man auch die entfernteste Tante zur Jugendweihe einlud, um möglichst so viel Geld zu erhalten, um sich den heiß ersehnten Radiorecorder (meist war es der SKR700 für 1.540 DDR-Mark) zu kaufen. Dann konnte man endlich selber seine Kassetten, die ja auch über 20 Ostmark kosteten, in Stereo aufnehmen. Die Eltern beschallte man den ganzen Tag mit Depeche Mode, vorausgesetzt, man hatte genug Musikmaterial, denn nicht jeder hatte Westverwandtschaft oder eine Oma, die immer mal eine Platte von „Drüben“ mitbrachte.

Aber zum Glück gab es Gleichgesinnte, mit denen man Musik tauschen konnte. Fanclubs entstanden, die einen regen Gedankenaustausch führten. Man träumte zusammen, ob man jemals ein Konzert seiner Helden besuchen würde und wie man an den neusten Remix der aktuellen Singleauskopplung kam. Probleme bei der Posterbeschaffung, der Einfallsreichtum bei der Kreation der Outfits, das Beobachten durch den ABVer (für die jungen Leser: Abschnittsbevollmächtigter, der polizeilicher Ansprechpartner für die Bewohner einer Gemeinde war und Streifendienst versah) oder das Belächeln anderer Jugendlicher. Dies alles schoss mir wieder ins Gedächtnis. Dennoch, Depeche Mode war und ist eine Lebenseinstellung, für manchen gar eine Religion. Ich könnte noch viele Freuden, Hindernisse und Befindlichkeiten der Jugendlichen im östlichen Teil Deutschlands in Bezug auf die Basildoner Helden ausführen, aber dann wird mir wieder vorgeworfen, ich wäre ja immer noch ein Extremfan. Aber einmal Fan, immer Fan. Es ist eben eine Herzenssache.

Nach einer reichlichen Stunde Lesung war ich dann doch ziemlich emotional berührt, da die Erinnerungen von damals plötzlich wieder ziemlich nah an mir dran waren. Zum Glück gab es dann erst einmal 20 Minuten Pause bis der zweite Höhepunkt des Abend begann. Der 28 Jahre verschollene Dokumentarfilm über den Zwickauer Fanclub „The Great Fans“ tauchte die Anwesenden nun auch visuell in ihre musikalische Jugend ein. Die reichlich 45 Minuten Film, welche vom damaligen Jugendclubleiter gedreht wurden, zeigte auf manchmal naive, aber liebenswerte Art, wie das Fansein in der DDR wirklich war. Es gab Szenen, da konnte man Tränen lachen, um kurz darauf mit offenem Mund im Sessel zu sitzen und dachten: ‚Ja, so war es wirklich damals.‘

Danke Sascha für den sehr unterhaltsamen und amüsanten Abend und natürlich auch Dank allen Beteiligten, welche dieses Projekt ermöglichten. Selbstverständlich habe ich das Buch gekauft, der Sascha hat es mir sogar signiert. Nun kann ich eine Zeitreise in meine Jugend in Wort und Bild machen, so oft ich will. Es ist ein kleiner Schatz, wie damals eine frisch bespielte Kassette mit der Maxiversion inklusive der B-Seite der aktuellen Single unserer Helden.