Schneeregen fällt an die Fensterscheiben des kleinen Schnellrestaurants. Der nasse Schnee schmilzt sofort und rinnt in dünnen Fäden die Scheibe hinab. Im müden Licht der Außenbeleuchtung wirkt alles noch trostloser. Die erikaviolette Sonne ist vollständig von den Wolken verdeckt, der pastellblaue Mond hat heute auch keine Chance, gesehen zu werden. Den Heiligabend hatte ich mir doch etwas anders vorgestellt.

Der Kaffee vor mir ist inzwischen kalt. Er ist so süß, würde ich nicht umrühren, bliebe der Löffel einfach stehen. Und so drehe ich gedankenverloren den Löffel Runde um Runde, bis mich Blicke vom Nachbartisch fast tödlich verwunden. Ich höre auf, lächle entschuldigend und überlege, wie ich meine Blockhütte wieder in Gang bekomme. Ja, meine Blockhütte. Das mag jetzt etwas befremdlich klingen, aber die Hütte hatte ich vor Jahren einem Tüflter abgekauft. Er hatte sie zum Raumschiff umgebaut, als Antrieb nutzte er den eingebauten Kachelofen und so fliegt das Blockhaus mit dem Schornstein nach unten durch das All. Damit rettete er einstmals seine beiden verschollenen geglaubten Brüder vom Quarkstern. Aber das ist eine andere Geschichte.

Jedenfalls muss ich schnellstens den Antrieb des Blockhauses reparieren, um rechtzeitig zum Abendessen wieder zu Hause zu sein. Großmutter verstand keinen Spaß, wenn man zu spät zum Essen kam. Gerade zum Heiligabend. Die Bescherung könnte ich dann auch vergessen.

Eigentlich war nur die Ofentür zerborsten und die Kohlen, welche als Treibstoff dienen, waren durch meine kleine Odyssee durch das All fast aufgebraucht. Aber woher sollte ich auf diesem winzigen Planeten, der zum Großteil aus heimtückisch süßen Marmeladensümpfen sowie einer unendlichen Mehlwüste bestand, eine gusseiserne Ofentür und Kohlebriketts bekommen? Als ich bezahlte, fragte ich die Bedienung nach einem Trödler oder Gebrauchtwarenhändler. Er grinste verschmitzt, gab mir aber bereitwillig Auskunft. Gleich rechts neben dem Restaurant grenzt ein Weg mit Marzipanginster, den solle ich entlang gehen, bis zur großen Bockwursteiche, dort links halten und bis man an eine hohe Lebkuchenhecke gelangt. Dort würde ich bestimmt finden, was ich suche.

Ich bedankte mich und verließ das Restaurant. Draußen schlug mir der Regen ins Gesicht. Er schmeckte nach Erdbeere. ‚Es könnte ruhig etwas mehr nach Weihnachten schmecken.‘ dachte ich mir so, als ich im safrangelben Schein der Restaurantaußenbeleuchtung rechts auf den Marzipanginsterweg abbog.

Ein wenig später passierte ich die Bockwursteiche und in der Tat: Kurz darauf umgarnte, trotz des Regens, ein irrer Duft von frischen Lebkuchen meine Nase. Hinter der Hecke stand ein Pfefferkuchenhaus, wie man es aus den alten Märchenbüchern kennt. Fasziniert trat ich hinein und im Inneren eröffnete sich mir ein überbordender Trödelladen. Es schien, als ob ich die Vorratskammer des Universums gefunden hatte. Hinter dem Tresen rannte geschäftig ein schwarzblaues dürres Teufelchen mit drei goldenen Haaren auf dem Kopf hin und her.

Vor lauter Staunen war ich kurz sprachlos, dann erzählte ich ihm meine Nöte. Nachdenklich strich er sich durch seinen nicht vorhandenen Bart. „Da muss ich schauen, vielleicht habe ich noch eine Ofentür vom Typ „Sibirischer Winter“ im Eisenwarenregal. Briketts kannst du auch bekommen, die hat mir ein seltsam gekleideter Mann vor über vierzig Jahren als Bezahlung für fünf Dosen Dorschleber und sieben Tafeln Luftschokolade gegeben. Aber eigentlich brauchte ich diesen Brennstoff nicht. Wir feuern hier mit gepresster Zuckerwatte.“

So kam es, dass ich wenig später in der linken Hand eine gusseiserne Ofentür trug und rechts einen Sack schulterte, in dem sich Original REKORD-Briketts im Format Halbstein H105 aus dem VEB Braunkohlenkombinat Senftenberg befanden. In der Hosentasche steckte sorgfältig verpackt das Geschenk für Großmutter. Das hatte mir das Teufelchen mit einem Augenzwinkern in die Hand gedrückt.

Meine Blockhausrakete war nahe der Mehlwüste notgelandet und inzwischen war es eingeschneit, genauer gesagt eingemehlt. Immerhin sah das nach Weihnachten aus. Ich schloss die schwere Holztür auf und fing sogleich an, die Ofentür auszutauschen. Die neue Tür passte ausgezeichnet an meinen Kachelofenantrieb. Nun schnell noch die Kohlen ins Ofenloch geworfen. Schnell erzeugten sie eine große Hitze und dann startete ich unspektakulär, eine lange Mehlfahne unter mir her wehend. Nachdem ich die Wolkendecke durchbrach, konnte ich doch noch den pastellblauen Mond bewundern.

Ich landete in Großmutters Garten direkt neben dem großen Kirschbaum. Wahrscheinlich hat nicht mal jemand mitbekommen, dass ich weg war. Schnell rannte ich zum Wohnhaus und kam gerade noch rechtzeitig zum Kartoffelsalat mit Würstchen und extra viel Senf. Großmutter schimpfte zwar etwas, wo ich mich wieder herumtreibe. Aber nachher zur Bescherung, wenn ich ihr das sonnengeblümte Seidentuch des Teufelchens schenke, welches im Licht glänzte, als wäre es mit goldenen Haaren durchwirkt, wird sie bestimmt nicht mehr böse auf mich sein.